Über Stock und über Steine

28 Jul

Als „Rentnerstrecke“ wurde uns der Meraner Höhenweg rund um die Texelgruppe in den Südtiroler Alpen  angekündigt – offensichtlich von einem sehr erfahrenen Wanderer, wenn nicht sogar Bergsteiger. Ich wusste sowieso nicht, auf was ich mich einlasse, für mich und meine Tochter sollte es eine Premiere sein.

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Die Talstation der Texelbahn. Sie bringt uns auf den Giggelberg – der Ausgangspunkt für unsere erste Wanderung.

Partschins im Meraner Land

Vom Giggelberg zur Nasereithütte

Gleich der zweite Tag unseres Urlaubs in Rabland wird zum Wandertag erkoren, denn die Wettervorhersage kündigt Wolken und nicht ganz so heiße Temperaturen an.  Den dreistündigen Aufstieg zu Fuß sparen wir uns, schließlich haben wir fünf Stunden Wanderung über den „Meraner Höhenweg Ost“ ab der Bergstation vor uns.  Mit der Texelbahn geht es hoch auf den Giggelberg auf 1.565 Metern.

Bereits auf dem Giggelberg haben wir eine fantastische Aussicht in die Südtiroler Bergwelt.

Bereits auf dem Giggelberg haben wir eine fantastische Aussicht in die Südtiroler Bergwelt.

„Betreten verboten“

Am ersten Gatter will uns ein Schild vom Betreten dieses Weges abhalten – wegen Bauarbeiten. Niemand scheint sich daran zu stören, also gehen wir auch durch und laufen zunächst über einen normalen Waldweg, bei dem es mal auf, mal ab geht. Bis auf wenige schmale Lücken hat man hier durch die dichten Bäume kaum einen Blick ins Tal. Nach einer Stunde erblicken wir auf einer großen Lichtung unser erste Etappenziel – die Nasereithütte.

Die erste Pause auf der Nasereithütte steht an.

Erstes Ziel erreicht – die Nasereithütte.

Noch sind wir nicht hungrig, also trinken wir nur etwas und genießen das tolle Panorama. Große Freude kommt bei unserer 16-Jährigen allerdings noch nicht auf. Aber immerhin jammert sie nicht. Sie hatte nämlich ursprünglich gar keine Lust mitzulaufen, hat sich aber uns zuliebe doch dazu durchgerungen.

Nasereithütte bis Tablander Alm

Die nächste Stunde ist viel abwechslungsreicher. Wir überqueren Wasserfälle und steinige Schluchten. Hinter jeder Biegung erwartet uns etwas Neues. Und auch an der Aussicht können wir uns nun öfter erfreuen.

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Vorsicht – nasse Füße nicht ausgeschlossen.

Eine Bank lädt zum Verweilen ein.

Eine Bank lädt zum Verweilen ein.

Wer meckert denn da?

„Da hast Du Deine Tiere“ höre ich meinen Mann sagen und staune über die Bergziegen, die uns urplötzlich den Weg versperren. Offensichtlich haben sie Angst und warten erst einmal unsere Reaktion ab. Wir bleiben natürlich stehen, um sie nicht zu verschrecken und nutzen die Gelegenheit, ein paar Fotos zu schießen. 

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Der neugierige Blick täuscht – die Bergziegen sind unsicher und zögern mit der Fortsetzung ihres Weges.

Dass wir sie gerne vorbei lassen möchten, verstehen sie wohl nicht. Also nähern wir uns ganz behutsam der Herde. Dennoch fühlen sich die Bergbewohner bedroht und flüchten blitzschnell seitlich auf dem Felsen nach unten.

Terrasse mit Stallcharakter

Die Ziegen, denen wir an der Tablander Alm begegnen, sind da schon etwas zahmer. Sie liegen unter den Tischen des Gasthofes, hoffen darauf, dass hin und wieder was Essbares für sie herunterfällt und haben keine Hemmungen, an Ort und Stelle ihre Notdurft zu verrichten. Zum Glück haben wir einen „tierfreien“ Tisch erwischt. Urig ist es hier. Und sehr lecker. Zu fairen Preisen gibt es riesige Portionen von toller Qualität.  Besonders charmant: Die beiden kleinen Söhne der Gastleute servieren Essen und Getränke.

Die Tablander Alm auf 1.788 Metern mit besonderem Flair.

Die Tablander Alm auf 1.788 Metern mit besonderem Flair.

Tablander Alm bis Hochganghaus

Gut gestärkt setzen wir unsere Wanderung fort. Etwa die Hälfte haben wir geschafft, die höchste Stelle werden wir mit der nächsten Hütte auf 1.839 Meter erreichen. Die Mittagspause hat unserem Teenie offensichtlich besonders gut getan – voller Energie läuft Elisa voraus und scheint sogar Spaß zu haben! Diese Etappe ist aber auch besonders schön. Über Felsen und Steinwege geht es meist aufwärts – hier sieht es aus wie in einem Märchenwald.

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Rotsäckchen unterwegs im Märchenwald

Am Aussichtspunkt „Hohe Wiege“ ist das Panorama grandios. Das Passeier- und Etschtal liegen uns zu Füßen, der nun hinter uns liegende Giggelberg macht deutlich, welche Strecke wir bereits marschiert sind und der Blick nach oben ins Massiv der Texelgruppe lohnt sich auch von hier.

Hohe Wiege mit Wetterkreuz

Hohe Wiege mit Wetterkreuz

Als nächstes wird dann erstmals unsere Schwindelfreiheit auf die Probe gestellt. Ein schmaler Steig führt an einem steilen Abhang entlang, Gegenverkehr muss vorbei gelassen werden und eine als Geländer dienende Stahlkette sorgt für ein wenig Sicherheit.

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Beim Blick ins Tal sollte man auf jeden Fall schwindelfrei sein.

Stairway to Heaven

Die felsige Passage, die wir als nächstes erklimmen, könnte auch irgendwo in Kanada sein: einfach fantastisch, wie sich hier die Vegetation und Bodenbeschaffenheit immer wieder verändert. Eine Treppe in den Himmel!

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Insgesamt ist diese Etappe zwar die interessanteste und schönste, aber auch die längste. Bis wir das Hochganghaus endlich erreichen, sind anderthalb Stunden vergangen. Das alte Schutzhaus steht unter Denkmalschutz, direkt daneben wurde eine neue Hütte errichtet, die heute das Gasthaus beherbergt. Hasengehege, freilaufende Hühner und Haflinger auf den Weiden bilden eine idyllische Kulisse auf der Hochebene und eine Loungeterrasse lädt zum Chillen ein. Auch hier pausieren wir und stärken uns für die letzte Etappe.

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Hochganghaus am Südhang der Texelgruppe

Hochganghaus bis Leiter Alm

Wie erwartet geht es jetzt fast nur noch bergab. Erst geht es über die  Spannbandbrücke, dann folgt ein kühler Nadelwald, dessen Bäume allerdings überwiegend kahl sind und die Umgebung ziemlich unheimlich erscheinen lassen.

Dieser Wald hinterlässt bei uns einen düsteren Eindruck.

Dieser Wald hinterlässt bei uns einen düsteren Eindruck.

Ein steiniger, scheinbar endloser Abstieg bis zur Leiter Alm ist nun noch zu überwinden. Vorsichtig hangeln Elisa und ich uns am Holzgeländer entlang. Wäre doch blöd, sich auf den letzten glatten Steinen noch zu verletzen.

Durch die  Lüfte schwebend zurück ins Tal

Als wir die letzte Station erreichen, habe ich das Gefühl, dass die ganze Kraft aus meinem Körper weicht, bin aber gleichzeitig ziemlich stolz auf uns. Knapp fünf Stunden waren wir unterwegs, müssen nun allerdings noch einige Höhenmeter hinunter ins Tal. Wie das funktioniert, wurde uns im Vorfeld bereits lebhaft berichtet, aber erst als ich den Korblift erblicke, wird mir klar, dass wir noch nicht am Ende unseres kleinen Abenteuers sind. Die grünen Panorama-Gondeln erinnern mich an Käfige und ich komme mir auch vor wie ein Tier, als ich hineinspringe.  Platz ist nur für Zwei, sodass Elisa mit mir nach unten fährt. Im Gegensatz zu ihr bin ich ziemlich schwindelfrei und kann den Abstieg mit der fantastischen Rundumaussicht wunderbar genießen, während sie sich zunächst mit geschlossenen Augen an der Stange festklammert.

Schwebend geht es runter nach Vellau.

Schwebend geht es runter nach Vellau.

Auf knapp tausend Meter endet das Schweben  mit diesem Gefährt und wir steigen um in den ebenso antiken Einer-Sessellift. Beide Anlagen wurden übrigens speziell für Wanderer errichtet. Es geht weitere 500 Meter abwärts in den Ort, wir gleiten hinweg über Weinberge und Apfelplantagen und lauschen den lebhaften Lauten diverser Waldbewohner. Unten angekommen, macht sich meine körperliche Erschöpfung endgültig bemerkbar. An Ort und Stelle warten wir eine gute halbe Stunde, bis uns endlich ein Taxi abholt und ins Hotel zurück bringt.

Mein Fazit: Über Stock und über Stein macht mir richtig Spaß! Viele unterschiedliche Eindrücke konnte ich mit allen Sinnen wahrnehmen und dadurch habe ich Entspannung gespürt – fast hat das Wandern für mich etwas Meditatives. Auf jeden Fall wiederholungsbedürftig!

Zur Galerie: Meraner Höhenweg