Mit dem Wünschewagen auf Pilgerfahrt

8 Okt

Noch einmal den Ort besuchen, wo der Himmel die Erde berührt. Das ist der sehnliche Wunsch der strengkatholischen Rita Lohe* aus Oberhausen. Eigentlich unmöglich für die schwerkranke Frau, die nur noch wenige Schritte gehen kann. Gäbe es nicht den Wünschewagen des Arbeiter- Samariter-Bund (ASB) in Essen, der sterbenden Menschen einen letzten Wunsch erfüllt.

*Name auf Wunsch der Protagonistin geändert

Es ist ein trüber kühler Oktobermorgen, an dem der Essener Wünschewagen vor dem Pflegeheim Vincenzhaus in Oberhausen hält. Obwohl es schon halb zehn ist, will es draußen gar nicht hell werden. Für Rita Lohe ist es trotzdem ein Glückstag. „Dass ich das nochmal machen darf“, meint sie dankbar, als das zweiköpfige Team des ASB eintrifft. Die Vorfreude auf den bevorstehenden Ausflug ist der 73-jährigen Rollstuhlfahrerin deutlich anzumerken. „Die Nonnen wollen schon Spalier stehen, wenn wir kommen!“ Ein letztes Mal wird sie heute ihren geliebten Wallfahrtsort Schönstatt Au besuchen. Das apostolische Kloster im westfälischen Borken ist für den Wünschewagen, der Sterbenden letzte Sehnsüchte ermöglicht, ein außergewöhnliches Ziel. Die meisten Fahrgäste wünschen sich eine Fahrt ans Meer. Eine Pilgerstätte war bisher noch nie dabei.

Das Konzept, Todkranke noch einmal an einen Sehnsuchtsort zu bringen, stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Der Essener Augenoptiker Ralph Steiner, der viele Jahre für den Arbeiter-Samariter-Bund als Rettungsassistent tätig war und heute im Vorstand des ASB Regionalverbandes Ruhr sitzt, realisierte das Projekt mit dem treffenden Slogan „Letzte Wünsche wagen“ 2014 in Essen. Ins Rollen kam die Initiative zunächst durch intensive Netzwerkarbeit in umliegenden Hospizen, Pflegeheimen und Krebsstationen. Mittlerweile ist sie zum Selbstläufer geworden. Seit dem Start im September 2014 wurden circa 150 Wünsche erfüllt.

Die alleinstehende Rita Lohe lebt schon seit 25 Jahren im Pflegeheim. Als sie an Parkinson erkrankte, war sie erst 40. Von da an ging es mit ihrer Gesundheit bergab. Schon lange ist sie deshalb auf fremde Hilfe angewiesen, den Rollstuhl bekam sie vor anderthalb Jahren. Sie ist es offensichtlich gewohnt, ihre Mitmenschen einzuspannen. Klang sie eben noch sanft, wirkt sie jetzt kratzbürstig. Einer soll die Blumen nehmen, ein anderer die Tasche. Begleitet wird die Pflegebedürftige bei der Wunschfahrt von Bärbel Maroni**. Die kräftige Mittfünfzigerin engagiert sich ehrenamtlich als Betreuerin alter Menschen. Seit einigen Jahren kümmert sie sich mehrmals in der Woche um Rita Lohe. Sie kennt den schroffen Ton ihrer Bekannten. „Frau Lohe hat Haare auf den Zähnen“, warnt sie Özlem und Klaus, die beiden engagierten Helfer des ASB. „Aber das Herz sitzt bei ihr am rechten Fleck“, fügt sie entschuldigend hinzu. Für den Besuch der Nonnen hat sich die resolute Heimbewohnerin schick gemacht: Violette Seidenbluse, hellgraue Stoffhose und passende Strickweste. Die korallfarbene Popelinejacke liegt auf ihrem Schoß, im linken Arm ruht der üppige Blumenstrauß für Schwester Hortula. Alles, was sie sonst heute braucht, steckt in einem kleinen geblümten Nylonbeutel. Auch an die Patientenverfügung hat sie gedacht. Die ist notwendig, damit das Team im Notfall entsprechend handeln kann.

Rita Lohe weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. 15 Kilo Wasser haben sich in den letzten Wochen in ihrem Körper angesammelt – die meisten davon in ihrem Bauch, der durch das Wasser sichtbar aufgebläht ist. Schrumpfnieren lautet die tödliche Diagnose, die vor ein paar Wochen ein akutes Nierenversagen auslöste. Fast wäre Rita Lohe auf der Intensivstation gestorben. Wie durch ein Wunder hatte sich ihr Zustand dann doch nochmal stabilisiert. „Eigentlich sollte die Fahrt ja schon im September stattfinden“, berichtet Bärbel Maroni. Sie kam auch auf die Idee, für ihre Bekannte den Wünschewagen einzuschalten. Durch Zufall erfuhr sie Anfang des Jahres von dem Projekt des ASB. Und sie war sofort begeistert.

**Name geändert.

Mit dem Wünschewagen wird schwerkranken Menschen die Reise an einen Sehnsuchtsort ermöglicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem großen Erfolg in Nordrhein-Westfalen gibt es heute in sechs anderen Bundesländern Wünschewagen, weitere sollen folgen. Das Projekt wird ausschließlich mit Spendengeldern finanziert. Den Fahrgästen und deren Begleitern entstehen keinerlei Kosten. Besuche von Familienfeiern, Fußballstadien oder kulturelle Ereignisse zählen neben den Fahrten ans Meer besonders häufig zu den letzten Sehnsüchten. In Essen unterstützen derzeit 160 ehrenamtliche Mitarbeiter das Projekt, ein kleines hauptberufliches Team kümmert sich um die Koordination der Wünsche.

Für die beiden freiwilligen Helfer Özlem und Klaus ist die heutige Fahrt eine Premiere. Sie sind vorher ausführlich für ihre besonderen Aufgaben geschult worden. Zum ersten Mal tragen sie jetzt die dunkelblauen Jacken mit dem Logo des Wünschewagens. Klaus, groß, schlank und sportlich, sieht locker zehn Jahre jünger aus als 68. Jahrelang war der rüstige Rentner mit ähnlichen Fahrzeugen bei der Feuerwehr als Rettungsassistent im Einsatz. Die dunkelhaarige 31-jährige Özlem arbeitet hauptberuflich in der Tagepflege. Sie hat schon drei Zigaretten in der Kälte geraucht, bevor es am frühen Morgen in Essen losging. „Etwas nervös bin ich schon“, gibt sie zu. „Schließlich ist das mein erster Einsatz“.

Ursprünglich sei es seinerzeit der sehnliche Wunsch von Rita Lohe gewesen, im September noch einmal am Besinnungstag der „Katholischen Frauen Deutschland“ in Schönstatt Au teilzunehmen, erzählt Bärbel Maroni. Doch dann versagten die Nieren der schwerkranken Frau, und sie musste ins Krankenhaus. Die Fahrt zur Pilgerstätte wurde abgesagt. Als es ihr wieder besser ging, war der Besinnungstag zwar vorbei. Den sehnlichen Wunsch, den heiligen Ort zu besuchen, hatte sie aber immer noch. „Frau Lohe ist sehr, sehr gläubig“, weiß Bärbel Maroni. „Sie erhofft von Schwester Hortula die Absolution, sich der bevorstehenden Dialyse verweigern zu dürfen“. Seit der Heimpfarrer sie davor gewarnt hat, das fünfte Gebot „Du darfst nicht töten“ zu missachten, sei sie im Zwiespalt mit ihrem Gewissen. Eine Aussprache mit der ihr seit vielen Jahren vertrauten Ordensfrau sehe sie als einzigen Ausweg. Klaus, der heute den Wagen fährt, hat hierfür eine pragmatische Lösung: „Als Gott die Gebote aufgestellt hat, gab es noch keine Dialyse“, kommentiert er scherzhaft die Sorge seines Fahrgastes.

Fahrgast – so nennen die Ehrenamtler ihre Schützlinge. „Möglichst wenig soll die Patienten bei der Wunscherfüllung daran erinnern, dass sie sterbenskrank sind“, erklärt Ralph Steiner. Deshalb habe er auch darauf geachtet, dass sich das Fahrzeug innen wie außen von einem Rettungswagen unterscheidet. Der Mercedes-Benz Sprinter, der vor dem Vincenzhaus für die Reise nach Borken bereitsteht, ist technisch ausgestattet wie ein herkömmlicher Krankenwagen. Optisch erinnert er jedoch eher an ein Wohnmobil. So dominiert beispielsweise Blau statt Rot die Wagenfarbe. Auf den Türen und an den Fenstern kleben kleine weiße Sterne. Die umlaufenden Panoramafenster sorgen dafür, dass der Fahrgast unterwegs hinausschauen kann. Neugierige Blicke von außen sind durch die getönten Scheiben nicht möglich.

Im Wageninnenraum des Wünschewagens sind die medizinischen Geräte für den Fahrgast nicht sichtbar.

Im Wageninnenraum des Wünschewagens sind die medizinischen Geräte für den Fahrgast nicht sichtbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gleich an der ersten Hürde droht der heutige Einsatz zu scheitern, als die beiden Helfer die übergewichtige Dame mit der Trage über die Schienen des Hubtisches ins Innere des Wagens befördern wollen. Die Mechanik hakt. Die vorderen Beine der Trage klappen nicht ein, sodass sie sich nicht reinschieben lässt. Klaus und Özlem wurden zwar eingewiesen, sind aber noch nicht vertraut mit der Technik. Sie ruckeln und ziehen an dem Gestell, treten mehrmals gegen die mit Rollen versehenen Alustützen. Nach einigen Versuchen gelingt es dann doch, Rita Lohe waagerecht hinein zu befördern. Im Innenraum ist alles so gestaltet, dass sich die Fahrgäste wohlfühlen. Medizinische Geräte wie EKG und Sauerstoff sind vorhanden, aber nicht sichtbar. Klaus klopft an die weißen Klappen über der Liege, die an Staufächer im Flugzeug erinnern: „Hier ist alles untergebracht, was wir zur medizinischen Versorgung benötigen.“ Die blauweiße Sternchenbettwäsche verleiht ein behagliches Ambiente. Auch das warme LED-Licht, das je nach Wunsch in unterschiedlichen Farben eingestellt werden kann, trägt zum wohnlichen Charakter bei.

Nur selten schaut Rita Lohe während der einstündigen Fahrt nach draußen. Immer wieder fallen der Schwerkranken die Augen zu, sie schnarcht, schnaubt und röchelt. Ihre Nieren sind auf Haselnussgröße geschrumpft und kaum noch funktionsfähig. Durch das viele Wasser im Körper fällt ihr das Atmen schwer. „Die Luftnot wird immer schlimmer. Deshalb hat der Hausarzt ihr nicht erlaubt, diese Fahrt zu machen“, verrät Bärbel Maroni, die auf einem der Begleitsessel neben dem Hubtisch sitzt und ihrer Bekannten liebevoll die Hand hält. „Aber Frau Lohe ist ja auf Zack“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie habe einfach ihre Neurologin angerufen, die habe ihr dann die Reisefähigkeit bescheinigt.

Tatsächlich strengt die einstündige Fahrt die Schwerkranke sehr an. Kurz vor dem Ziel benötigt sie eine Pause. Der Wünschewagen hat bereits die Autobahn verlassen. An einer Haltebucht stoppt Klaus den Sprinter. Um die akute Atemnot einzudämmen, möchte Rita Lohe umgelagert werden. Özlem, examinierte Pflegefachkraft, weiß, was zu tun ist. Behutsam bewegt sie den schweren, trägen Körper der erschöpften Frau auf die Seite, sodass sie wieder besser atmen kann.

Mit der Ankunft in Schönstatt Au scheint die Anstrengung wie weggeblasen. Plötzlich ist Rita Lohe hellwach und redet wie ein Wasserfall, während die beiden Ehrenamtler sie aus dem Wagen in den Rollstuhl befördern. Gut gelaunt und deutlich verständlich erzählt sie von der Gründergemeinde Schönstatt bei Koblenz. Dort steht das Urheiligtum – ein kleines Kapellchen, das für die Anhänger der Glaubensbewegung einen Gnadenort darstellt. An jedem der heute 200 weltweiten Pilgerzentren wurde es originalgetreu nachgebaut, damit sich die Menschen dort heimisch fühlen. Rita Lohe kann das nur bestätigen. „Damals, bei meinem ersten Besuch, da hat es sich angefühlt, als hätte der Himmel die Erde berührt“, schwärmt sie. „Mein Zuhause ist Schönstatt. Nicht da wo ich wohne.“ Und am liebsten wolle sie hier sterben, träumt sie weiter. Eingebettet in eine gepflegte Parklandschaft, umgeben von Wiesen, Wäldern und Wasserläufen haben sich die Gläubigen einen ruhigen, friedlichen Ort am Rande der Kleinstadt Borken geschaffen.

In den Backsteingebäuden herrscht bedächtige Stille. Lautlos schleichen die Ordensschwestern in ihren schwarzen Gewändern über die Gänge und grüßen freundlich lächelnd. Statt spalierstehender Nonnen nimmt die junge Schwester Hanna Lucia den Besuch freudestrahlend in Empfang. „Die heilige Messe ist gerade zu Ende, Schwester Hortula wird bald eintreffen“, versichert sie mit einem gewinnenden Lächeln und schwäbischen Akzent der kleinen Gruppe. Ganz offensichtlich liebt sie diesen Ort sowie das Leben, das sie hier führt. Es ist nicht vorstellbar, dass sie jemals einen schlechten Gedanken hegt.

Schwester Hanna Luzia nimmt Rita Lohe in Empfang.

Schwester Hanna Luzia nimmt Rita Lohe in Empfang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das kleine Besucherzimmer, in das sie die Gäste führt, vermittelt den angestaubten Charme der 60er Jahre: dunkler sechseckiger Holztisch, altmodische vergilbte Vorhänge, beiger Teppichboden. An der Wand hängt ein Marienbildnis. Gleichmäßig tickt die Pendeluhr. Mit dem Rollator voraus, betritt eine große stattliche, in die schwarz-weiße Ordenstracht gehüllte alte Dame den Raum – Schwester Hortula.

Es ist ein vertrautes, sehr persönliches Gespräch zwischen den beiden Frauen, die sich fast ein halbes Jahrhundert kennen und sich heute wohl zum letzten Mal begegnen. Bevor die schwere Parkinsonerkrankung von Rita Lohe Besitz ergriff, arbeitete sie in einem von Nonnen geführten Kinderheim. Dort war ihr Schwester Hortula über viele Jahre Mutter und Beraterin zugleich. Auch jetzt erhofft Rita Lohe den weisen Rat der gütigen Ordensfrau. Sie erzählt von dem Glück, heute noch einmal hier sein zu dürfen und von dem Unglück, dass bald ihre Nieren versagen werden. „Es wird zwar nicht besser, aber ich habe die Kraft es zu tragen“, versichert sie, während im nächsten Moment eine Träne über ihre blasse Wange kullert und sie um Fassung ringt. Schwester Hortula findet tröstende Worte, hört ihrem Gast geduldig zu, nickt immer wieder verständnisvoll mit dem Kopf. „Schön warten, bis der liebe Gott die Tür aufmacht“, beschwichtigt sie Rita Lohe, als diese ihr sagt, dass sie sich gegen die Blutwäsche entschieden hat. „Wann es soweit ist, das überlassen Sie jetzt mal ihm. Vielleicht brauchen Sie ja gar keine Dialyse mehr.“ Ist das die ersehnte Absolution? Rita Lohe wirkt zufrieden, wechselt das Thema und schwelgt fortan mit der Nonne in Erinnerungen längst vergangener Tage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die kleine weiße Kapelle, in der Rita Lohe am liebsten sterben würde, thront auf einem kleinen Hügel zwischen den Gebäudekomplexen. Hübsch ist es hier. Herbstliche Blumensträuße schmücken den Altar. Zahlreiche Opferlichter flackern auf einem Tablett. Hier ist die gläubige Frau mit sich und ihren Gedanken alleine. Unendlich dankbar, mit Tränen in den Augen, hat sie zuvor Abschied genommen von Schwester Hortula. Der erste Sonnenstrahl des Tages blitzt durch eines der vergitterten Fenster. Ein gutes Omen für den noch ausstehenden Spaziergang zum ordenseigenen Friedhof? Tatsächlich ist es draußen freundlicher geworden. „Für uns öffnet Gott den Himmel!“ Mit einem demütigen Blick, als sei ihr die Doppeldeutigkeit ihrer Worte bewusst, neigt Rita Lohe den Kopf nach oben. Obwohl sie zugibt, am Ende ihrer Kräfte zu sein, lässt sie sich das letzte Vorhaben dieses Tages nicht nehmen. Offenbar hat sie auch auf dem Friedhof noch etwas zu erledigen.

Der Gnadenort

Rita Lohe vor dem Gnadenort, den sie ihr Zuhause nennt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Özlem kann persönlich nichts mit der christlichen Stätte anfangen. Sie ist tief verwurzelt im moslemischen Glauben. Dennoch ist die Türkin sehr berührt von dem Erlebten. Auf jeden Fall möchte sie nach der heutigen Feuerprobe weitermachen. „Am liebsten würde ich jetzt immer mit Klaus zusammenarbeiten“, strahlt sie, und ihr Kollege nickt zustimmend. Die beiden Helfer, die sich vorher nicht kannten, sind in den letzten Stunden zu einem eingespielten Team geworden. Ohne Probleme befördern sie ihren zufriedenen, aber erschöpften Fahrgast nach dem Spaziergang über den Friedhof zurück in den Wünschewagen. Zeit für den Heimweg.

„Heute ist der glücklichste Tag“, Rita Lohe lächelt selig. Wohl zum letzten Mal hat für sie heute der Himmel die Erde berührt.